Narrative: 'Irgendwas mit Erzählen'
Narrative: 'Irgendwas mit Erzählen'
Ursprünglich wollte ich hier im Forum einfach mal etwas zu alternativen Wirtschaftskonzepten aufnehmen. Ich finde es aber einleuchtend, wenn bei diesen Ansätzen die Rolle von Narrativen betont wird, die entweder den Status quo oder eben ein Umlenken stützen (könnten). Auch bei anderen Zukunftsthemen ist es ratsam sich das im Einzelnen anzuschauen, und der ein oder andere Meta-Beitrag zum Thema Narrativ kann das vielleicht etwas unterstützen.
Das ist keine Definition, aber ich verstehe ein Narrativ als etwas sehr Kompaktes, das in verschiedenen Formen ausgestaltet sein kann und das eine Wirkungsgeschichte hat (bzw. Wirkungspotenzial). Das hört sich jetzt unnötig kryptisch an und tatsächlich erlebe ich das sinnvolle (und kompakte) Schreiben über das Thema als überraschend schwierig, gemessen daran, dass einen das Wort im Sprachgebrauch nicht wirklich vor Hürden stellt.
Man versteht schon: Irgendwie ist es immer besser, eine ‚gute Geschichte zu erzählen‘ als Fakten runterzurattern oder sich nur mit Argumenten an die Vernunft zu wenden. Nach den eigenen Vorstellungen ‚ein neues Narrativ’ zu etablieren, wäre natürlich super – aber: schwierig, denn oft sind die wirklich wirksamen Narrative ziemlich alt und gut verankert. Dabei ‚agieren‘ sie bisweilen im Tarnmodus, während an der Oberfläche durch inflationären Gebrauch der Bezeichnung bald Alles und nichts ein Narrativ ist. Für Verwirrung, aber auch Aha-Erlebnisse sorgt der Umstand, dass man bezüglich Fiktion und Realität mit denselben Worten (wie Geschichte, Erzählung etc.) hantiert.
Nehmen wir als Einstieg die Wikipedia-Definition, dann ist das Narrativ „eine sinnstiftende Erzählung […] die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturareal bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel.“
Haken wir bei dem mehrdeutigen Wort ‚Erzählung‘ ein. Man könnte an literarische Texte mit dieser Bezeichnung denken, doch die sind abgeschlossen und unterliegen nicht im engeren Sinn dem zeitlichen Wandel. Auch erhalte ich in der Buchhandlung auf die Frage nach dem Narrativ X nicht ein bestimmtes Buch wie bei der Frage nach Erzählung X, sondern die folgenden Vorschläge haben eben ‚nur‘ einen gemeinsamen Nenner. Damit eine Erzählung X ein ‚Welterfolg‘ wird, muss sie es schaffen in einer Form viele Menschen anzusprechen. Man könnte die Erzählung in eine andere Form bringen, z. B. durch Verfilmung. Ein Narrativ ist dagegen in der Regel immer ein Gestaltwandler, steckt mal in einem Sachbuch, einer Antwort, einem Werbespot oder einer knuffigen Zeichentrickserie, und stellt einen tieferen Zusammenhang zwischen ihnen dar.
Alltagsgespräche, politischer Diskurs, die Geschichte und fiktionale Geschichten scheinen bei allen Unterschieden alle 'etwas mit Erzählen' zu tun zu haben. In diesem Zusammenhang könnte man sagen, dass Narrative besonders sinnstiftende und wirkungsvolle Erzählungen (in unterschiedlichen Erscheinungsformen) sind, aber Erzählen an sich schon sinnstiftend ist. In Anlehnung an einen Vergleich von E.M. Forster: Eine Chronik hält fest ‚Der König starb 1470. Und dann starb die Königin 1471.‘ Eine Erzählung dagegen ergänzt wörtlich ‚...aus Kummer‘ oder legt durch die weitere Schilderung diese Interpretation nahe. Ohne diese Sinnstiftung hätte man nur eine Aneinanderreihung. Künstlerische Werke können da rätselhafter sein oder Sinnstiftung unterlaufen, aber die Narrative, die ich eingangs ansprach und die in einer Gesellschaft wirken, pochen ja gerade auf deutliche Kausalzusammenhänge und Wertungen.
Geht's auch dynamischer?
Das Herstellen von Kausalzusammenhängen ist in der Politik heftig umkämpft. Die Veränderung der Arbeitslosenquote ist Fakt, aber wessen Erklärung dafür überzeugt und emotionalisiert mehr Menschen? Das Ziel ist, dass andere die eigene Bewertung übernehmen. Hier finde ich es spannend, dass Narrative eng mit einem Verlaufscharakter verbunden sind. Es gibt Narrative, die um das Thema Transformation kreisen, wie z. B. ‚Grünes Wachstum rettet das Klima’, Transformation ist aber auch schon ein wesentliches Element eines jeden Narrativs.
Wenn man also etwas beschreiben will, das z.B. Wertungen enthält, aber keinen zeitlichen Ablauf hat oder keine unterschiedlichen Zustände verbindet, sind die genannten Begrifflichkeiten nicht geeignet. 'Politiker X ist doof' ist demnach kein Narrativ, kann aber an eines anschließen (wie 'Partei X richtet das Land zugrunde'). Die wertende Aussage ‚Politiker X ist doof‘ ist sicher etwas, dass man lancieren kann. Tendenziell sind Abwertungen aber viel versprechender, die mehr Geschichte transportieren, also eben ‚Politiker X richtet das Land zugrunde‘. Das kann mit genauso wenigen Worten passieren, der eigentliche ‚Film‘ läuft dann aber umso besser wie von selbst ab.
Das hängt mit der symbiotischen Beziehung zwischen Kernbotschaften und ihren diversen Erscheinungsformen zusammen (wobei Kernbotschaften teilweise explizit ausgesprochen oder auch auch nur analytisch als gemeinsamer Nenner rekonstruiert werden). Beim gemeinsamen Nenner einer Interview-Antwort und einem Roman denkt man zunächst an Inhalte, ich finde aber auch spannend, dass man außerdem - neben vergleichsweise oberflächlichen stilistischen Parallelen - auch eine strukturelle Verwandtschaft in den Blick bekommen kann: das Erzählen von dynamischen Verläufen.
Den Verlaufscharakter kann man sich horizontal veranschaulichen wie der Narrationsforscher Michael Müller:
Ausgangszustand A --> Transformation T, ausgelöst durch Ereignis(se) --> Endzustand E
Damit haben wir einen zeitlichen Ablauf und die kausale Verbindung von unterschiedlichen Zuständen. Müller nennt das in seinem Buch Politisches Storytelling. Wie Politik aus Geschichten gemacht wird (Köln 2020) narrative Grundstruktur. Man findet sie in sehr vielen Äußerungen, aber nicht in allen. Eine Äußerung kann auch quantitativ stark auf einen der drei Teile konzentriert sein. Zum Beispiel kann eine Politikerin ausführlich den Zustand eines zugrundegerichteten Landes ausmalen. Eine geschickte Verknüpfung mit den anderen Teilen eines Verlaufs – in diesem Fall sowohl als Endzustand des ‚Partei X richtet das Land zugrunde‘-Narrativs, als auch als Anfangszustand des ‚Wir machen das Land wieder groß‘-Narrativs – wird wohl immer wirkungsvoller sein als eine isolierende Schilderung.
Denn Menschen sind schon immer sehr an der Sinnstiftung durch die Verbindung der drei Teile interessiert gewesen:
"Narrative Strukturen (als Narrative, Geschichten und Erzählungen) sind eines der wichtigsten Mittel, mit denen wir Menschen Sinn machen, Verstehen ermöglichen und Veränderungen kommunizierbar und damit erlebbar machen. [...] Wie ist es von A[usgangszustand] zu E[ndzustand] gekommen? Wer oder was war beteiligt? Welche Alternativen hätte es gegeben? Welcher Unterschied wurde gemacht? Erlebnisse, Ereignisse und Prozesse werden mit Sinn gefüllt." (Folie von Müller beim 8. Storytelling Camp am 8.12.2023 in Stuttgart)
Gerade an so etwas wie den Einbezug von nicht realisierten Alternativen denkt Müller wohl, wenn er den Ausdruck der ‚Narrativität‘ dem der etwas ‚nüchterneren‘ Kausalität und ihrem Ursache-Wirkungs-Prinzip an die Seite stellt. Im nächsten Beitrag werde ich mithilfe von Müller etwas näher auf die drei Phasen und die drei Strukturen eingehen.